One Billion Rising – Tanzen gegen Gewalt an Frauen

2016-OBR-logo-no-datesSich bewegen, um etwas zu bewegen“ – so beschreibt es die Organisatorin von „One Billion Rising“ in Berlin, Bettina Lutze Luis Fernández. Mit ihren Tanzgruppen des „Centre Talma“ stand sie am Sonntag auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor. Darunter auch Melissa, 19, die im Kindesalter Opfer sexueller Gewalt wurde und der Macht eines Mannes ausgesetzt war. Heute geht sie gestärkt aus dieser schweren Zeit heraus und möchte mit der Tanzdemonstration „One Billion Rising“ ein Zeichen setzen. Ihre Geschichte und alles zu der Veranstaltung in Berlin hier im ZDF, mit meiner Mitarbeit als Praktikantin:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2670680/Tanzen-gegen-Gewalt#/beitrag/video/2670680/Tanzen-gegen-Gewalt

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2670680/Tanzen-gegen-Gewalt 

One Billion Rising wurde vor drei Jahren ins Leben gerufen und ist ein internationales Tanz-Event. In Deutschland wird in über hundert Städten für die Milliarde an Frauen getanzt, die täglich Gewalt oder Missbrauch erleben müssen – One Billion, jede dritte Frau auf der Welt ist betroffen. Gerade am Valentinstag, dem 14. Februar, erheben sich die Menschen um wach zu rütteln, dass in vielen Beziehungen etwas falsch läuft oder bei Gewalt an Frauen noch viel zu oft weggeschaut wird. Mehr dazu auf der offiziellen Website hier.

Erfrorene Erinnerungen in Hoheneck

Eine Führung durch das DDR-Frauengefängnis Hoheneck

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Kalt. Kalt ist es den grauen Beton langzulaufen, die hohen Mauern zu betrachten und nichts als Verlassenheit zu finden. Nur kleine Lichtstrahlen durchströmen die langen Gänge des Gefängnisses in Hoheneck. Hier saßen über 1000 Frauen in Gefangenschaft des DDR-Regimes – Schwerverbrecherinnen mit unschuldig Verurteilten zusammen auf kleinsten Raum. Eine Frau, wegen vierfachen Tods auf lebenslang verurteilt teilt sich die Zelle mit einer politisch Angeklagten, die wegen Mitwissenschaft zur Fahnflucht verurteilt wurde (25 Jahre).

Alle wurden sie auf gleiche Weise bestraft, gepeinigt und beleidigt. Drei Tage Dunkelkammer und einen Tag lang in eiskaltem Wasser stehen – diese Strafen in Hoheneck waren mit die härtesten der DDR. Alle Inhaftierten galten als Kriminelle. Bei den sogenannten Zellenrazzien wurden sie körperlich „untersucht“, d.h. nackt ausgezogen und diskriminiert, so wird es im Buch „Der dunkle Ort“ von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl beschrieben.

IMG_9058 - KopieBeim Gang durch das Gefängnis fühlt man die Ausweglosigkeit der Gefangenen. Es wird kälter. Die Gänge immer grauer und dunkler. Die Insassen hatten wenig. Auch das Essen war kanpp, meistens Suppe und ein bisschen Brot. Reden untereinander war strengstens verboten. Ein klarer Tagesablauf mit kaum bezahlten, langen Arbeitszeiten regelte das Leben der Frauen. Dauernd wurden sie überwacht und nur weil manche von ihnen mal eine eigene Meinung hatten und nicht dem sozialistischen Gedanken gehorchten. Still gehalten wurden sie mit regelmäßig verabreichten Dosen an Psychopharmaka.

Manche fühlten sich bedroht von Zellengenossen, andere sagen, sie hätten es ohne die Gemeinschaft untereinander nicht überlebt. Herr Schreckenbacher, der Führungen durch das heutige Gebäude in Hoheneck gibt, erzählt von heimlich gebauten Kekskuchen und gärenden Weinen unter den Holzdielen. Die Kameradschaft hielt sie zusammen, auch wenn die Schlafplätze irgendwann so gering wurden, dass die Frauen auf dem Boden oder auf Strohsäcken schlafen mussten. Immer mehr wurden eingeliefert, obwohl nur für 600 Platz war.IMG_9061

Es gab jedoch auch kleine Lichtblicke: zum Beispiel zehn Minuten Frischluft am Tag. Ein Hungerstreik der Gefangenen im Jahre  1953 verbesserte die Haftbedingungen ein wenig. Eine Amnestie im folgenden Jahr entließ einige in die „Freiheit“ oder sie die BRD kaufte sie in den 60er Jahren frei.

Doch getrennt waren sie immer noch von der Familie und ihrem Leben draußen. Auch neugeborene Kinder auf der Entbindungsstation in Hoheneck wurden meist an SED-treue Adoptiveltern weggegeben. Viele Fluchtversuche gab es, aber keiner entkam. Der Führungsleiter Herr Schreckenbacher zeigt seinen Besuchern die Mauern um das Grundstück des Frauenzuchthauses. Er erzählt auch von vielen Selbstmorden und dass es keine Sicht auf Entlassung gab – die Inhaftierten hatten kein Zeitgefühl.

Auf kleinste VerstoßeIMG_9090 - Kopie drohten Strafen wie die Wasserzelle – heutzutage ist der Boden geschimmelt und  leer. Doch die Frauen mussten dort bis zu drei Tagen ausharren ohne Essen, ohne Trinken. Viele erlitten Unterleibserkrankungen, Blutergüsse oder erfrorene Füße. „Das war das schlimmste“, meint Herr Schreckenbacher.

Im Jahre 1989 zählte Hoheneck noch 400 Inhaftierte, nach dem Mauerfall entließ man auch die letzten 170 politisch Gefangenen. Danach wurde es bis zum Jahre 2001 weiter als Gefängnis, auch für männliche und ausländische Täter, betrieben. Daraufhin kaufte es ein Investor mit dem Plan eines Hotels. Viele kritisierende Stimmen ließ es jetzt aber dem Besitz der Stadt Stollberg zukommen, um die Grundidee einer Gedenkstätte zu errichten. So wünschen es sich auch ehemalige Hoheneckerinnen, die über ihre Schicksale im Buch „Der dunkle Ort“ berichteten und noch heute von der Zeit geprägt sind.

Diesen Bericht verfasste ich im Rahmen der Geschichtsveranstaltung meines Volontariats bei der Mitteldeutschen Journalistenschule.

Mein Beitrag wurde im Februar 2016 nochmal für eine Veranstaltung der  Sächsische Landeszentrale für politische Bildung aufgegriffen. Mein Blogbeitrag dazu hier.

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Eine Dokumentation von Tagesschau24: Video „Frauen von Hoheneck“
Ein WordPress Blog zu Hoheneck hier
Artikel dazu von der Berliner Morgenpost hier