Reise durch den Dschungel der Sprachen

UÜbersetzen ist Leidenschaft, aber auch Herausforderungnsere Sprache ist wie ein Dschungel. Sie blüht immer wieder neu auf und wächst an ihrer Entwicklung über die Jahre. Als LiteraturübersetzerIn sitzt man wie zwischen zwei Bäumen und sucht von einem Ast den passenden auf dem anderen Baum. Doch welchen Weg geht man dabei? Welcher Ast führt zur richtigen Entscheidung? Mein zweiter Teil über den Beruf als LiteraturübersetzerIn.

„Die Qualität einer Übersetzung ergibt sich aus der Gesamtheit der unendlich vielen Einzelentscheidungen.“ Das sagt Maria Hummitzsch, eine der jungen Vorreiterinnen in der Branche der Übersetzer. Seit 2011 arbeitet sie als Literaturübersetzerin aus dem Portugiesischen und Englischen. Zuvor studierte sie Übersetzung, Afrikanistik und Psychologie in Leipzig. Jeder Text ist für sie eine Herausforderung. Immer wieder steht auch sie vor einer Astgabelung und muss sich entscheiden: Wie bringe ich den Satz mit der richtigen Wirkung ins Deutsche? Bleibe ich nah am Original oder entferne ich mich lieber? Oft muss man andere sprachliche Mittel verwenden um „treu zu übersetzen, da die Sprachen ganz unterschiedlich aufgebaut sind“, meint Hummitzsch. Dadurch wirke der Text glaubwürdiger, wenn die Originalstruktur nicht durchschimmert. „Denn paradoxerweise ist eine Übersetzung eben dann gut, wenn man ihr nicht anmerkt, dass es sich um eine Übersetzung handelt.“

Und wie geht sie zuallererst an einen Text heran? „Ich versuche herauszufinden, was in einem Text veranstaltet wird. Seine Haltung, Stimmung und Gesamtwirkung zu erfassen. Und dieselbe Wirkung muss auch die Übersetzung haben.“ Dabei muss auch immer unterschieden werden, welche Textsorte vorliegt: ob Roman, Lyrik, Drama, Comic oder Sachbuch, „jedes Genre hat seine Besonderheiten, die beim Übersetzen berücksichtigt werden müssen“, so Hummitzsch. Lyrik sei unter den Übersetzern die ‚Königsdisziplin‘, aber auch Dialoge müssen lebendig und nicht künstlich klingen oder Witze an der richtigen Stelle gesetzt sein. Grundsätzlich ordnet die Übersetzerin ein:

„Je literarischer, also poetischer ein Text, je mehr also die Sprache an sich das Kunstwerk ist, umso mehr zählt jedes einzelne Wort.“

Verantwortlichkeiten und Pflichten

Dabei fühlt auch sie sich für die richtige Übertragung verantwortlich, wie es schon Sabine Baumann im ersten Blogeintrag meinte – dafür verantwortlich, sich für den richtigen Ast im Sprachdschungel zu entscheiden. Zudem ist die Nähe zum Text auch in den meisten Übersetzerverträgen festgehalten. Darin heißt es oft:

Rechte und Pflichten des Übersetzers (§2)
1. Der Übersetzer verpflichtet sich, das Werk persönlich zu übersetzen und dabei die Urheberpersönlichkeitsrechte des Originalautors zu wahren. Die Anfertigung der Übersetzung durch Dritte bedarf der Zustimmung des Verlags.

2. Der Übersetzer verpflichtet sich, das Werk ohne Kürzungen, Zusätze und sonstige Veränderungen gegenüber dem Original in angemessener Weise zu übertragen.

Jedes Mal eine Horizonterweiterung

Nicht immer ist es einfach, doch eben diese Herausforderungen machen Maria Hummitzsch Spaß. Für sie bedeutet das eine „permanente Erweiterung des eigenen sprachlichen und geistigen Horizonts.“ So als würde die Baumkrone nicht nur selbst wachsen, sondern man auch mit ihr. Auch die Abwechslung und die unterschiedlichen Facetten des Berufs überzeugen.

„Man darf sich tagtäglich mit literarischen Texten und Sprache beschäftigen; erschafft neue Wörter, baut geliebte Wörter ein, lacht mit, wenn ein Witz gelingt, und freut sich, wenn man endlich die Lösung für ein kniffliges Wortspiel gefunden hat. Übersetzen ist ein permanentes Hinzulernen.“

Das größte Problem dabei

Nicht zum ersten Mal hört man von der schlechten Bezahlung der Übersetzer. Auch diese Problematik benennt Hummitzsch. Die Honorare stagnieren seit Jahren. Neben den ca. rund 1000 Euro monatlich ist meist eine weitere Tätigkeit nötig. Denn oft werden Übersetzer erst ab dem 5001 Exemplar am Verkauf beteiligt, der Großteil der Bücher aber verkauft sich weit unterhalb dieser Grenze.

Nicht nur die Produktion, auch der Übersetzer muss schnell seinDer Verband der Literaturübersetzer (VdÜ) hat mit mehreren Verlagen eine Allgemeine Vergütungsregel erarbeitet, die die Übersetzer ab dem ersten Exemplar mitbeteiligt. Diese wurde 2014 verabschiedet, sie wird allerdings längst nicht von allen Verlagen akzeptiert. Im Vorstand des VdÜ, der sich für eine bessere Vergütung einsetzt, wirkt auch Maria Hummitzsch mit, und betreut dort die Pressestelle. Außerdem ist sie im Organisationsteam der Deutsch-Brasilianischen Übersetzerwerkstatt und hat das Übersetzerzentrum auf der Leipziger Buchmesse mitgegründet.

Die Honorarsituation bezeichnet sie als „frustrierend und unzumutbar“, gerade auch weil der Druck in der Buchproduktion immer mehr ansteigt und keine Zeit mehr für die volle Entfaltung der gut ausgebildeten Übersetzer bleibt. Eine genaue Studie dazu gibt es auch hier. Der Beruf als Literaturübersetzer steht in einem Zwiespalt, wie es viele andere in der Kreativbranche tun. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wann die Leidenschaft dann doch überwiegt.

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Bildquellen: 1. Wikimedia , creative commons licensed 1.0, Quelle: pixabay, 2. Maria Hummitzsch, Foto: privat, 3. Wikimedia  „Book 06403 20040730154204“ von Nevit Dilmen – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Zwischen den Zeilen übersetzen

Wir lesen sie alle: internationale Bücher, die ins Deutsche übersetzt wurden. Doch die Autoren haben das Buch, so wie wir es in den Händen halten, gar nicht so geschrieben. Sie schreiben es in ihrer Muttersprache und damit wir es verstehen, braucht es eine Übersetzerin. Doch können dabei immer alle Emotionen weitervermittelt werden? Wobei ist es besonders schwierig die richtigen „deutschen“ Worte zu finden? Ein Blick in den Beruf als Literaturübersetzerin.

Dr. Sabine Baumann, Foto: privat

Dr. Sabine Baumann, Foto: privat

Sabine Baumann übersetzt seit über 20 Jahren aus dem Russischen und Englischen ins Deutsche. Nach ihrer Promotion in Amerikanistik, arbeitete sie als Lektorin in verschiedenen Verlagen, seit 2009 bei Schöffling & Co. Für die Neuübersetzung des Epos „Eugen Onegin“ (1833) von Alexander Puschkin und die Übertragung des Puschkin-Kommentars von Vladimir Nabokov erhielt sie 2010 den Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW. Mit 25.000 Euro dotiert ist er einer der wichtigsten Literaturpreise in Deutschland. Die Jury lobte Baumanns Übersetzung von Puschkins Werk, der als Begründer für die moderne russische Literatur steht, als „Pioniertat„. Und auch genau das ist oft das Schwierige beim Übersetzen, wie Sabine Baumann im Interview verrät.

Gerade bei einem Werk aus der Vergangenheit, bei dem sie den Autor nicht mehr persönlich fragen kann, muss sie sich oft in die Epoche hineinversetzen und weitere Quellen verwenden, um die Emotionen und Absichten richtig vermitteln zu können. Es bereichert sie „sich während des Übersetzens der Unterschiede zwischen den Kulturen bewusst zu werden und sie einander näher zu bringen“, so Baumann.

Aber auch Texte mit heutigem kulturellem Zusammenhang können fremd erscheinen und schwer nachvollziehbar sein, „ob etwas zum Beispiel humorvoll oder bitterernst gemeint ist“. Einfacher seien dabei Texte „mit denen man sich leichter identifizieren kann“, meint die Übersetzerin. Es komme immer auf den Stil des Autors an: Auch die gleiche Leichtigkeit im Text wiederzugeben, kann kompliziert werden. Fühlt man sich als Übersetzerin mitverantwortlich für den Erfolg des Buches? Ja, jedem Übersetzer schwingen Zweifel mit, die Gefühle zwischen den Zeilen richtig vermitteln zu können, offenbart Baumann.

„Eine schlechte Übersetzung kann tatsächlich eine Hürde darstellen.“

Doch für sie ist es immer wieder eine Herausforderung, die Spaß bringt, zum Beispiel für Redewendungen und Wortspiele auch die deutsche Bedeutung zu finden. Neben ihrem Beruf als Übersetzerin und Lektorin, ist sie Redaktionsleiterin der Zeitschrift „Übersetzen“, in der wichtige Informationen zu Fachbüchern oder Seminaren für Übersetzer zu finden sind. Auch über den Hieronymustag im September, der nach dem Schutzpatron der Übersetzer benannt wurde, dem heiligen Hieronymus, wird berichtet.

Doch bis aus Literatur Weltliteratur und ein Bestseller wird, ist es ein langer Weg. Nicht oft kann man von einem „Megaseller“ reden wie bei „Fifty Shades of Grey“, so sagte es eine der Übersetzerinnen der Triologie, Andrea Brandl, in einem Interview mit „buchreport.de“. Auch die Resonanz der Medien trage dazu bei, dass der Roman an Aufmerksamkeit gewinnt, doch reich werde sie davon nicht, so Brandl. Den zweiten Teil mit 1700 Seiten aus dem Original hat sie in fünf Monaten übersetzt, das sind ohne Wochenenden gerechnet ungefähr 15 Seiten pro Tag. Ein lukrativer Auftrag – sicher, aber die Beine jetzt hochlegen zu können sei eine „illusorische Vorstellung“, sagt sie.

Der Beruf als Übersetzer oder Übersetzerin hat viele Facetten. Es geht um die Frage, die Emotionen zwischen den Zeilen richtig zu deuten, darum in welcher Sprache man sich selbst zuhause fühlt und wo doch kulturelle Distanzen herrschen, die man überwinden muss. Mehr darüber gibt es zum Beispiel auch bei „Übersetzer im Gespräch“ des Goethe Instituts, wo genau dieser Aspekt immer wieder auftaucht. Doch auch von mir gibt es noch einen zweiten Teil übers Übersetzen und vielleicht fallen euch ja jetzt einige Sachen mehr beim Lesen auf.

Den Artikel zum Hören gibt es hier (entschuldigt die Qualität):