Von Sofia nach Berlin

Ein Reportage von Lisa Fritsch im Rahmen des Masterkurses „Journalistisches Arbeiten in Osteuropa“

Vor zwei Jahren ist Irina aus Bulgarien hergekommen. Wie die Politikstudentin sich zwischen alter und neuer Heimat eingelebt hat und warum sie noch viel weiter will als bis jetzt.

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Irina läuft durch die langen Gänge der Freien Universität in Berlin. Vorbei an der philologischen Bibliothek. Ihre dunklen, schulterlangen Haare wippen mit im gleichmäßigen, zielstrebigen Gang. Tausende Bücher sieht man durch die Glaswand. Alles ist lichtdurchflutet. Die 21-Jährige gebürtige Bulgarin fühlt sich wohl hier, fühlt sich frei. Manches ist in ihrer Heimat nicht so frei wie in Deutschland „In Bulgarien haben die Journalisten keine wirkliche Meinungsfreiheit. Sie sind auf die Politiker und Mächtigen angewiesen und was die sagen, schreiben sie dann auch.“

Nach Deutschland ist sie gekommen, weil sie sich hier ein besseres Studium erwartet. Aber auch weil sie raus wollte. „In Sofia hat mir etwas gefehlt. Ich wollte Abwechslung, neue Leute kennenlernen, eine kulturelle Bereicherung. Nur im Ausland kann man so eine Erfahrung machen.“ Sie weiß, dass nicht jeder eine solche Chance hat. Deshalb ist sie stolz auf ihr Studium. Im fünften Semester Politikwissenschaft ist sie jetzt. Seit April hat sie sogar ein Stipendium von der Hanns-Seidel-Stiftung. Neben der finanziellen Förderung, besucht sie mit der Gruppe in Berlin verschiedene, politische Institutionen und knüpft so Kontakte.

Von der Bibliothek geht sie weiter an Seminarräumen vorbei, in Richtung Mensa. Ihr Gang ist aufrecht und elegant. Fast gleitend. In ihrer Kindheit tanzte sie zehn Jahre lang Ballett. Ein kleines bisschen Ballerina ist auch heute noch in ihrer Haltung und Kleidung erkennbar. Ihr rosa Schleifchen-Pullover blitzt durch die Winterjacke.

Draußen ist es kalt. Ein grauer Dezembertag. Fast genauso kalt ist es, als sie das erste Mal nach Berlin kommt. Es ist im April zu Ostern und trotzdem „saukalt“, berichtet sie. Ihre Mutter nimmt sie mit, um Bekannte zu besuchen. Irina ist noch in der Oberschule in Sofia, wo sie auch Deutsch lernt. Von Berlin ist die damals
15­-Jährige sofort begeistert, eine Metropole, kosmopolitisch und bunt.

Ihre Mutter pflegt auch eine besondere Verbindung zu der Stadt. In den 80er Jahren studiert sie hier ein Jahr an der Humboldt-Universität Germanistik. Heute arbeitet sie als Deutschlehrerin im Goethe-Institut in Sofia. Dadurch war sie vor einigen Jahren für ein Seminar in Berlin. Die Gastfamilie, die sie damals für zwei Wochen aufgenommen hat, besuchen Irina und ihre Mutter gemeinsam in jenem April. Es ist eine Freundschaft entstanden. Auch die erste Woche, bevor Irina mit dem Studium anfängt, kommt sie dort unter. An Berlin schätzt sie heute vor allem die Mischung aus Geschichte und Modernität und dass es so „multikulti“ ist, sagt sie.

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Irina in der Nähe des Campus in Berlin-Zehlendorf. Sie mag die Ruhe hier

Es ist ein Freitag. In der Mensa gibt es Fisch. Irina freut sich und packt eine Portion Salzkartoffeln neben das Seelachsfilet auf den Teller. Sie setzt sich an einen Tisch neben den bodentiefen Fenstern in der Mensa. Plötzlich fängt es an zu schneien. Zu Weihnachten fliegt sie nach Hause, um bei der Familie zu sein. Ihre Eltern vermissen sie, erzählt sie. Vor allem zu ihrer Mama hat sie ein enges Verhältnis, sie telefonieren jeden Tag. „Für sie ist der kleine Sonnenschein nicht mehr da“, formuliert sie es selbst, „aber dafür haben sie ja noch meinen größeren Bruder“, und lacht. Dass Irina jetzt in Deutschland studiert, macht die Eltern aber vor allem stolz.

Genauso stolz erzählt sie selbst von ihrem Studium, man braucht ihr gar keine Fragen zu stellen. Eigentlich wollte sie erst gar nicht Politik studieren, ganz lange interessiert sie sich für Journalismus. In der Schule fällt sie auf, da sie sich sprachlich gut ausdrücken kann, nimmt an mehreren Schreibwettbewerben teil. Das hat Irina sicher von ihrem Vater. Wie die Mutter studierte auch er Germanistik. An der Uni lernten sich die Eltern kennen. Jetzt arbeitet der Vater als Übersetzer für Deutsch und Bulgarisch, übersetzte schon Bücher u.a. mit Reden von Merkel. Auch als Politiker ist er aktiv, nahm 2016 mit seiner Partei „Bulgarische Demokratische Union“ (übers.) an den Präsidentschaftswahlen teil. Leider erfolglos. Zu viel Korruption, erklärt Irina.

Ihr Vater will etwas verändern im Land, etwas gegen die Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit tun. Dabei hat er schon einige Rückschläge erlitten. Diese Ungerechtigkeit erlebte Irina dadurch im eigenen Umfeld. „Früher habe ich immer gesagt ‚Ich hasse Politik. Ich will nie etwas mit Politik zu tun haben‘. Durch meinen Vater habe ich viel mitbekommen. Ich war so enttäuscht von der bulgarischen Politik. Es ist alles so unsauber, intransparent und korrupt. Ich habe mich immer gefragt‚ warum beschäftigt sich mein Vater immer noch mit dieser dummen Politik? Sieht er nicht, dass es keinen Ausweg gibt, dass er nicht geschätzt wird dafür?“

„Da wo ich lande, will ich noch weiter wachsen“

In Deutschland hat sich ihre Meinung geändert. Mit dem Politikstudium legt sie sich eine solide Grundlage, meint sie. Und hier gibt es einen Ausweg, viele Auswege sogar. Seit September arbeitet sie für einen Abgeordneten im Bundestag. Dabei sieht sie, wie viele Nischen es gibt, in denen man für die Gesellschaft nützlich sein kann. „Ich will etwas machen, was Sinn macht, was mich herausfordert wo ich mich auch frage ‚Kann ich das schaffen?“ Genau diese Herausforderung gibt ihr die Werkstudententätigkeit im Bundestag. Weil sie keine Muttersprachlerin ist, traut sie sich nicht immer einfach so loszureden, sie hat Angst Fehler zu machen. Aber ihre Kollegen geben ihr das Gefühl gebraucht zu werden, sind dankbar für ihre Hilfe.

In den Journalismus will sie gar nicht mehr so wirklich, in die Diplomatie vielleicht oder etwas auf EU-Ebene. Internationale Beziehungen interessieren sie, Menschenrechte, etwas mit NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) könnte sie sich vorstellen. „Ich sage nicht endgültig, da möchte ich landen, sondern da wo ich lande, will ich noch weiter wachsen.“ Da kommt die Kämpferin in Irina durch. Der Ehrgeiz. Der Veränderungswille, den ihr der Vater vorgelebt hat. Ihre Augen leuchten, ein Lächeln zieht sich durch ihre weichen Gesichtszüge. Sie ist überzeugt vom Gedanken der Gerechtigkeit und Ehrlichkeit.

Durch die Arbeit hat sie auch viel über die deutsche Politik gelernt. Was beeindruckt sie besonders? „Jeder kann sein Belangen äußern – egal, ob er Deutscher oder Bulgare ist, minderjährig oder erwachsen. Es gibt immer einen Weg, dass sich etwas verändern kann und das Recht genehmigt einem das.“ So ein offenes Mitspracherecht gebe es in Bulgarien nicht.

Wenn sie alle drei, vier Monate nach Sofia zur Familie fliegt, nerven sie manchmal die Leute dort. „Sie sind degradiert, weil sie nichts dafür tun, damit sich etwas verändert. Sie machen immer so weiter wie sie es kennen.“ Irina meint, dass Probleme oft entstehen, weil sich die Menschen nicht interessieren und ihre eigenen Rechte nicht kennen. Sie geht aus der Mensa raus, vorbei am schwarzen Brett, an den vielen Plakaten über Vorträge und Veranstaltungen. Sie mag ihre Universität, weil sie modern und gut ausgestattet ist und immer wieder bekannte Persönlichkeiten herkommen. „Das ist das, was ich meine. Es gibt so viel Angebot, man muss sich nur dafür interessieren.“

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In dem Audimax sprach auch schon US-Politiker Bernie Sanders. Irina schätzt das Angebot der FU

Ein bisschen Heimatgefühl kommt in der bulgarischen Studentengemeinde auf, in der sie aktiv ist. Gemeinsam organisieren sie Veranstaltungen, z.B. für die neuen Bulgaren in Berlin. Irina ist dort stellvertretende Vorsitzende und Mentorin. In Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Kulturinstitut gibt es Willkommensfeiern und Filmabende. Der Höhepunkt sind immer die Partys, denn die Bulgaren feiern gern.
Es gibt aber auch Dinge aus der Heimat, die sie vermisst. Die Mentalität der Leute, in Bulgarien sind die Menschen warmherzig und gastfreundlich, sagt sie. Berlin ist anders als Sofia, es ist größer und gemischter. „Ich habe hier mehr Angst als in Bulgarien.“ Vor allem nachts geht sie nicht gern allein nach Hause. Und die Strecken nerven sie, Berlin ist so groß.

„Es ist, als ob wir zuhause sind“

Wie auch am 8. Dezember, dem offiziellen Studententag in Bulgarien. Dort fahren sie für das Wochenende in die Berge, in kleinen Hütten genießen sie die Gemeinschaft. Hier in Berlin genießen sie die bei einer gemeinsamen Feier. Irina macht sich fertig in ihrem kleinen Zimmer im Studentenwohnheim nähe Westkreuz. Die rosa Verzierungen an der Wand erinnern an die Ballerina, das Prinzessinsein. Pinke Sportschuhe stehen vor dem Kleiderschrank. Ihr Outfit ist perfekt abgestimmt, wieder rosa, diesmal aber mit Blümchen. Sie legt nochmal Wimperntusche nach. Das hat sie von ihrer Mama, sagt sie, dass sie Wert auf ihr Äußeres legt. Die Handtasche darf auch nicht fehlen.

Als sie den Club nähe Bülowstraße in Berlin betritt, sieht sie gleich bekannte Gesichter. Freudestrahlend umarmt sie ihre Freundinnen. Mit einem Drink geht es gleich auf die Tanzfläche. Das bulgarische Nationalgetränk Rakia gibt es allerdings nicht, dafür Wodka mit Apfelsaft. Es läuft bulgarische Popmusik. Irina und die anderen Mädels können alles mitsingen. Die roten Scheinwerfer bewegen sich durch den schummrigen Nebel über die tanzende Menge. Es fühlt sich an, als würden alle bulgarischen Studenten in Berlin in diesem kleinen Raum vereint sein.

„Es ist, als ob wir zuhause sind“, sagt Irina. Hier fühlt sie sich wohl. Hier kann sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten, so ausdrücken wie sie will. Von den tanzbaren Popliedern geht es irgendwann über in Volksmusik und alle drehen sich in einem großen Kreis zum traditionellen Tanz. Bein links, Bein rechts. Irina mittendrin.

Mit den anderen fährt sie gemeinsam nach Hause. Die drei Mädels steigen in die U-Bahn. Müde legt Irina den Kopf auf die Schulter ihrer Freundin. Das grelle Licht stört sie nicht. Hauptsache sie ist nicht allein. Die Gemeinschaft ist ihr wichtig. Sei es in der bulgarischen Gemeinde, in der Stipendiatengruppe oder an der Universität. Vielleicht ist das der Grund, warum sich Irina so gut eingelebt hat und weshalb sie von hier aus noch viel weiter will.

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Gegen Smartphone Unfälle: #kopfhoch

Einmal zu viel aufs Handy geschaut und schwupps die Stufe übersehen. Nicht selten stolpert, stürzt, stauchert der Smartphone User im Alltag und das vor allem die junge Generation. Aus einer neuen Studie der TU Braunschweig, die dem NDR vorliegt, geht hervor, dass immer mehr Menschen sich vom Smartphone im Straßenverkehr ablenken lassen. Mit fatalen Folgen!

Auch ABC News hat ein paar merkwürdige Mißgeschicke abgelichtet:

Jeder dritte Fußgänger guckt aufs Handy geht laut einer Studie aus den USA hervor. Dabei wurden Passanten im Straßenverkehr beobachtet. Genauso gingen die Braunschweiger Wissenschaftler auch vor – sie protokollierten bei rund 12.000 Autofahrern die Nutzung des Smartphones am Steuer. 4,5 Prozent von ihnen hatte während der Fahrt das Handy in der Hand. Nicht nur das Telefonieren ist ein Grund, auch die vielzähligen Apps, Messenger und Co. lenken vom Verkehr ab. Schon aus einem Bericht der Gewerkschaft der Polizei (GdP) ging im vergangenen Jahr heraus, dass solche Applikationen neues Gefahrenpotenzial verursachen.

Strengeres Handyverbot und mehr Kontrollen

Gerade bei den jungen Autofahrern zwischen 18 und 24 Jahren ist ein Unfall doppelt so wahrscheinlich wie bei älteren. In einem Beitrag des WDR hat der Verkehrsforscher Michael Schreckenberg die Ablenkung durch das WhatsApp oder Facebook sogar mit dem Konsum von 0,8 Promille Alkohol verglichen. Deshalb verlangt ein Großteil der Innenminister jetzt eine Erweiterung des Handyverbots am Steuer, wie es aus einer Umfrage des NDR herausgeht. Bis jetzt wird der erwischte Autofahrer mit einem Bußgeld von 60 Euro und einem Punkt bestraft. Der Laptop oder das Tablet sind nämlich (noch) nicht verboten, weitere Vorschriften hat BILD zusammengefasst.

Im Gegensatz dazu fordert  der Vorsitzende der Verkehrministerkonferenz, Christian Pegel (SPD), statt höheren Strafen mehr Kontrollen: „Wir werden den Verfolgungsdruck deutlich erhöhen müssen. Dass der Bußgeldkatalog da uns riesig weiterhilft, solange nicht die echte Sorge begründet ist, dass man ertappt wird – davon gehe ich nicht aus“, sagte er im ZDF.

#kopfhoch

Aus diesem Grund startete N-JOY, das junge Radioprogramm des NDR, eine Kampagne zu mehr Vorsicht am Steuer:

Also #kopfhoch und Augen auf!

Kritik an Lichtern für Belgien

Nach den Terroranschlägen in Brüssel geht die Fahndung nach den Verdächtigen weiter. Bis jetzt bekannt ist, dass die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui sich selbst in die Luft gesprengt haben, ein weiterer Täter, Najim Laachraoui, sei auch noch am Anschlagsort gestorben. Nach dem vierten Verdächtigen wird noch gesucht, er soll auf dem Weg nach Frankreich sein. Alle drei identifizierten Attentäter sind in Belgien geboren und haben Verbindungen zu den Verantwortlichen des Anschlags in Paris vor vier Monaten.

Die Zahl der Toten ist auf über 30 angestiegen, unter den 300 Verletzten sind auch Deutsche. Seit dem Anschlag trauert Belgien um die Opfer – weltweite Anteilsnahme sprachen Länder wie Frankreich, Saudi-Arabien und Mexiko durch die Erleuchtung der Wahrzeichen aus, wie hier in Berlin:

Aber dafür gab es auch Kritik. In vielen Kommentaren fragen die Leser (Berliner Morgenpost), warum nicht auch die Flaggen von Türkei, Syrien oder Kongo, wo auch tausende Menschen Opfer des Terror wurden, an die Gebäude geleuchtet werden. Wie auch Sarah und Theresa bei Twitter:

Dem deklarierten Grund der Solidarität entgegnen viele dass „es den Familien der Opfer doch ganz bestimmt helfe“. Provokant zeigen sich auch viele Fragen, welche Farben denn das nächste Mal dran sind. Die Angst vor einem neuen Anschlag steigt.

Nachwirken meines Hoheneck-Berichts

Vor zwei Jahren besuchte ich mit meiner Volotärsgruppe der Mitteldeutschen Journalistenschule das ehemalige Frauengefängnis in Hoheneck, südwestlich von Chemnitz. Das Leben in der Zelle, wie es den oft unschuldig inhaftierten Frauen erging und was aus der Haftanstalt nach dem Mauerfall geworden ist, beschreibe ich im früheren Blogeintrag hier.

Doch auch heute gibt es immer wieder Rückblicke auf diese bewegende Zeit der DDR. Die Geschichten der Frauen sind auch heute noch aktuell und vor allem wird immer wieder der Frage nachgegangen:

„Wie konnten diese unmenschlichen Strafen und maßlosen Haftzeiten den Frauen angetan werden?“

Auch diesen Donnerstag wird politisch und historisch diskutiert und zwar im Sächsischen Staatsarchiv in Chemnitz. Dafür sind die Veranstalter, u.a. die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, auf meinen Beitrag gestoßen und haben ihn für die Veranstaltungankündigung auf Facebook zitiert. Ich habe mich gefreut, dass ich dem wichtigem Auftrag der Verarbeitung unserer Vergangenheit und Geschichte und dem Dialog zu den Bürger etwas beitragen konnte.

slpb_facebook

Zur Facebookseite des SLpB

Zudem wird diese Zusammenkunft von der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Stasi (BStU) veranstaltet. Darin spricht der Historiker Sebastian Lindner über die internen Abläufe und die Rolle des Vollzugspersonals im ehemaligen Frauengefängnis Hoheneck. Auch eine Zeitzeugin ist zum anschließendem Gespräch eingeladen. Die Veranstaltung steht unter dem Thema „Diktatur – Aufarbeitung und Systemvergleich: Das Frauengefängnis Hoheneck und die Stasi„.

Zur Veranstaltung

Das wichtigste im Schulsystem-Streit vergessen

Das absolute Thema der Woche in den Medien. Nainas Tweet über die Kritik an unserem Schulsystem regte die Medien auf.

Nainas Tweet über das Schulsystem

Nainas Tweet über das Schulsystem

Doch was ist da wirklich dran? Irgendwie hat sie ja recht. Wenig von alle dem, das man in der Schule lernt, kann man später im Beruf anwenden. Denn Jobs um BWL, Buchhaltung oder auch Medien – das lernt man einfach nicht in der Schule. Fächer wie Informatik, für das gewisse Medienbewusstsein in unserer heutigen Zeit, oder Wirtschaft sind da schon echte Ausnahmefälle. Genauso wie Recht (klar klingt jetzt trocken und langweilig) aber wer weiß schon welche Rechte man beim Arbeitgeber in Bezug auf Kündigung oder Gehaltsverhandlungen hat. Oder Bewerbungscoaching – wird auch mal schnell in einer Deutschstunde abgehandelt.

Das einzige, was da oft der Ausweg ist, ist Lehrer zu werden. Und das ist bei vielen meiner Freunde zum Beispiel auch der Fall. Die meisten wissen eben nicht, was sie nach 12 Jahren Schule machen sollen. Da wäre ein bisschen mehr Hilfe zur Orientierung in diesen Jahren schlau gewesen, und ja auch günstiger, weil der Staat dann keine drei „Orientierungsjahre“ mit Praktika, Mini-Jobs oder FSJ finanzieren muss. Klar, die bringen einen persönlich weiter. Ich finde es wichtig, sich im Ausland weiter zu entwickeln und selbständig zu werden. Ich war ja auch zum Work and Travel in Australien. Aber trotzdem belastet dieses Gefühl auch viele junge Menschen, nicht zu wissen, wo es mal hingeht, welcher Beruf zu ihnen passt. Und dabei kenne ich das Rentenversicherungssystem in Australien besser als in Deutschland, weil ich mich damit beschäftigen musste. Doch Eigeninitiative hin oder her – welcher 16jährige setzt sich bitte mit einem Versicherungsbuch hin?

Für ihre Kritik hat Naina viel Unterstützung von anderen Medien und Twitter- bzw. Facebook-Nutzern erhalten. 16.000 Mal wurde sie retweetet, also ihr Tweet weitergetragen. Auch Bildungsministerin Johanna Wanka stimmte ihr zu, dieses Thema „mal diskutieren zu müssen“. Aber natürlich muss es ja auch Gegner geben, die Objektivität der Medien bewahrt werden. In der ZEIT schreibt Ulrich Greiner zum Beispiel über die „Schönheit“, die man durch Fächer wie Deutsch, Literatur, Kunst oder Griechisch lernt. Schönheit? Und auch er hat keine Antwort darauf, was uns die unnützen Fächer im Studium oder Leben bringen.

Doch einen anderen Aspekt übersehen viele. Wenn man mal ein bisschen größer denkt, können wir doch alle froh sein in Deutschland überhaupt ein Recht auf Bildung zu haben, eine Sicherheit für alle Kinder in die Schule gehen zu können. Keine Diskriminierung auf das Geschlecht oder die Herkunft. Keine Benachteiligung durch die finanzielle Lage. Dafür sollten wir dankbar sein, denn viele Kinder auf dieser Welt haben das nicht. Ein bisschen dankbarer als Sinah vom theblackshirtblog, die schreibt „Danke für (fast) nichts.“

Es ist ein Zwiespalt. Man kann die Fächer ja auch nicht alle abschaffen (oder mehr drauf tun – in der zehnten Klasse hatte ich auch 37 Schulstunden in der Woche!), aber man sollte das Schulsystem auf die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen anpassen: mehr Möglichkeiten, Berufsbilder kennen zu lernen für alle Schüler oder Fächer wie Hand- und Hausarbeit. Die meisten Studenten, die ich kenne, können sich gerade mal so Nudeln mit Soße machen und wissen nicht mal richtig, wie man abwäscht. Dafür können sie mit irrealen Zahlen rechnen.

Außerdem sind die Bildungsansprüche in Deutschland pro Bundesland ja schon so unterschiedlich. Der Anspruch der Abiturprüfungen liegt so weit auseinander, da kann man nicht einfach mal die Schule wechseln. Das sollte auf jeden Fall vergleichbarer werden. Dazu noch: Wissen denn die meisten Jugendlichen, wo ihre Kleidung herkommt, wie sie hergestellt wird? Nein, sie sehen nur die billigen Preise bei Primark und freuen sich auf Sale mit 5-Euro-Jeans, an denen sich asiatische Fabrikarbeiter fast vergiftet haben.

Der Trend der Entschleunigung, Selbstversorung und Handarbeit, wie Stricken, kommt nicht irgendwo her. Die Menschen haben genug von Pferdefleischskandalen und eingenähten Notrufen von Primark-Näherinnen. Dann lieber selbst machen und YouTube als Learn-to-do-Kanal benutzen. Da bilden wir uns unser eigenes Schulsystem. Da kann nur noch Doktor Allwissend uns Lebensweisheiten näher bringen. Also, hallo Politiker, schaut doch auch mal YouTube oder so!

Mein Bloggerjahr 2014 im Rückblick

WordPress hat für mich gerechnet und dabei kamen ein paar spannende Ergebnisse heraus!

Ich hatte ungefähr 1900 Aufrufe und habe 58 Bilder hochgeladen, also im Durchschnitt mehr als eins pro Woche.

Ich habe in diesem Jahr 44 neue Blogeinträge geschrieben und der beliebteste war dieser Post hier. Mein bester Bloggertag ist der Mittwoch 🙂

Und am aller spannendsten ist das hier: 18 Länder weltweit haben mein Blog besucht, davon die meisten aus Deutschland, Österreich und den USA, aber auch 10 Aufrufe aus Indien, 8 aus Kanada, 5 aus Australien und 3 aus Finnland… und einer aus Algerien 😀

Meine Besucher aus aller Welt

Meine Besucher aus aller Welt

Na dann frohes Weiterbloggen und einen guten Rutsch euch allen!

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Agenda Setting: Entscheide nur ich, was wichtig ist?

Der Begriff Agenda Setting kommt aus der Medienforschung und beschreibt den Einfluss der Medien in Bezug auf die Themenstruktur und -relevanz. Zum Beispiel durch welchen Beitrag in welcher Größe, Art und Auffälligkeit der Nutzer seine politische Einstellung ändert. „Der Journalist setzt die Themen, die er für wichtig hält, auf die Tagesordnung. He sets the agenda.“, meinte Gregor Gysi mal zu diesem Thema. Diskutiert wird außerdem, ob dies ein individueller oder gesellschaftlicher Faktor ist, also ob das nur die eigene Meinung beeinflusst oder man seine Freunde dadurch informiert und anregt.

Viel mehr für mein Themengebiet „Medien und Politik“ betreffend, steht der Begriff Agenda Building. Dabei wurde die Agenda-Setting-Theorie von den Wissenschaftlern Lang & Lang 1981 weiterentwickelt. Heutzutage ist vor allem interessant, wer die Übermacht hat, die Gesellschaft zu beeinflussen – die Politik, in dem sie die Medien als Mittel zum Zweck benutzt – die Medien, in dem sie die Politiker unter Druck setzen können und entscheiden, was wirklich an die Öffentlichkeit gelangt – oder vielleicht die Nutzer selbst, die durch Social Media, Blogs und Co. immer interaktiver, mobiler und vernetzter werden?

Zum Beispiel für ein Interview bei ZDF heute oder der Tagesschau möchten die Zuschauer wissen, was der Politiker z.B. zur Wahlabstimmung sagt, andererseits muss er auch gut vor der Öffentlichkeit dar stehen, darf nicht das falsche sagen, sonst wirkt er wiederum nicht kompetent. Außerdem kann der Journalist oder Moderator der Nachrichten viel beeinflussen, den Politiker unter Druck setzen. Die Zuschauer und Nutzer können durch ihre Kommentare zum Interview auf Facebook oder Twitter den Politiker weiterhin unter Druck setzen und ein bestimmtes Thema in der Relevanz anheben, da sich immer mehr Menschen aus den sozialen Netzwerken dafür interessieren. Somit bestimmen diese vielleicht das Thema in den nächsten Nachrichten. Aber auch der Politiker mit seinen Aussagen beeinflusst die Themenstruktur dessen.

Dadurch verwischen die Begriffe von Kommunikator/Ursache – Mittel – Rezipient/Effekt – immer mehr.

Die Grenze zwischen Werbung und Journalismus

Der Grat ist schmal. Schnell wird aus einem Veranstaltungstipp im Radio oder Fernsehen eine Art von Werbung… Schleichwerbung? Versteckte Werbung? Oder doch nur eine Empfehlung für die Hörer oder Zuschauer? Es gibt viele Interpretationen. Oft ist so etwas wie Sponsoring oder Produktplatzierung für den Nutzer nicht klar als Werbung zu definieren. Rechtlich steht es unter den sogenannten Sonderwerbeformen. Doch helfen diese, die Erkennung besser zu machen oder wird es nur noch schlimmer? Mehr dazu in meinem Hörbeitrag:

https://soundcloud.com/lisa4media/radiobeitrag

Die im Beitrag behandelten Sonderwerbeformen sind im Radio zum Beispiel mit den Wörter wie „Sponsored by“ oder „wird euch präsentiert von“ erkennbar. Im Fernsehen steht ein kleines P für Product Placement, also Produktplatzierung, das eine materielle Unterstützung für eine Medienproduktion ist, wie z.B. die Bereitstellung von Autos einer bestimmten Marke für den Tatort im ARD.

Bei meiner Recherche habe ich nicht nur mit der ehemaligen Radio-Planungsredakteurin, Gunda Bartels, geredet, sondern auch mit weiteren Spezialisten. Ein Professor an der Hochschule Mittweida für Digitale Medien und Recht, Markus Heinker, hat auch jahrelang im Radio gearbeitet und urteilt ähnlich wie Bartels. Radio sei nicht besser erkennbar oder gar eingeschränkter durch die gesetzlichen Maßnahmen des Rundfunkstaatsvertrag. Auch Christian Wiedemann von der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) findet:

„In der Praxis sind werbliche – also bezahlte – Aussagen für den Zuhörer nicht immer leicht zu identifizieren. Deswegen müssen werbliche Inhalte auch als solche kenntlich gemacht werden. Für den Zuhörer muss erkennbar sein, ob er mit redaktionellen Inhalten des Rundfunkveranstalters oder werblichen Botschaften Dritter konfrontiert ist. Letztlich dient dies auch der Glaubwürdigkeit der Rundfunkveranstalter.“

Weiter meint er, dass das Medienrecht nur auf die Entwicklungen der Medienbranche in Richtung Werbung reagiere. Es definiert die verschiedenen Formen und schränkt nicht unbedingt ein. Dr. Jochen Kalka, Chefredakteur von „Werben & Verkaufen (W&V)“ prognostiziert für die Fachzeitschrift „Themen + Frequenzen“, dass Werbung in den nächsten zehn Jahren an Bedeutung verlieren wird. Er denkt, dass Unternehmen immer mehr an Werbung sparen wollen und nicht die Investition daran sehen. Außerdem spricht er vom Print-Revival in den kommenden Jahren: „Es wird eine Generation kommen, die findet Print einfach nur supergeil.“ Das Fernsehen wird seiner Meinung nach jedoch stark verlieren. Für Werbung wiederum sieht er Hoffnung – nur die besten Werbemacher werden „überleben“ und es geht zurück zur Werbung, die einfach ist und Menschen – nicht nur Figuren – zeigt.

Grenze

Der Radiobeitrag ist durch ein Projekt im Rahmen meines Volontariates bei der Mitteldeutschen Journalistenschule entstanden.