Von Sofia nach Berlin

Ein Reportage von Lisa Fritsch im Rahmen des Masterkurses „Journalistisches Arbeiten in Osteuropa“

Vor zwei Jahren ist Irina aus Bulgarien hergekommen. Wie die Politikstudentin sich zwischen alter und neuer Heimat eingelebt hat und warum sie noch viel weiter will als bis jetzt.

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Irina läuft durch die langen Gänge der Freien Universität in Berlin. Vorbei an der philologischen Bibliothek. Ihre dunklen, schulterlangen Haare wippen mit im gleichmäßigen, zielstrebigen Gang. Tausende Bücher sieht man durch die Glaswand. Alles ist lichtdurchflutet. Die 21-Jährige gebürtige Bulgarin fühlt sich wohl hier, fühlt sich frei. Manches ist in ihrer Heimat nicht so frei wie in Deutschland „In Bulgarien haben die Journalisten keine wirkliche Meinungsfreiheit. Sie sind auf die Politiker und Mächtigen angewiesen und was die sagen, schreiben sie dann auch.“

Nach Deutschland ist sie gekommen, weil sie sich hier ein besseres Studium erwartet. Aber auch weil sie raus wollte. „In Sofia hat mir etwas gefehlt. Ich wollte Abwechslung, neue Leute kennenlernen, eine kulturelle Bereicherung. Nur im Ausland kann man so eine Erfahrung machen.“ Sie weiß, dass nicht jeder eine solche Chance hat. Deshalb ist sie stolz auf ihr Studium. Im fünften Semester Politikwissenschaft ist sie jetzt. Seit April hat sie sogar ein Stipendium von der Hanns-Seidel-Stiftung. Neben der finanziellen Förderung, besucht sie mit der Gruppe in Berlin verschiedene, politische Institutionen und knüpft so Kontakte.

Von der Bibliothek geht sie weiter an Seminarräumen vorbei, in Richtung Mensa. Ihr Gang ist aufrecht und elegant. Fast gleitend. In ihrer Kindheit tanzte sie zehn Jahre lang Ballett. Ein kleines bisschen Ballerina ist auch heute noch in ihrer Haltung und Kleidung erkennbar. Ihr rosa Schleifchen-Pullover blitzt durch die Winterjacke.

Draußen ist es kalt. Ein grauer Dezembertag. Fast genauso kalt ist es, als sie das erste Mal nach Berlin kommt. Es ist im April zu Ostern und trotzdem „saukalt“, berichtet sie. Ihre Mutter nimmt sie mit, um Bekannte zu besuchen. Irina ist noch in der Oberschule in Sofia, wo sie auch Deutsch lernt. Von Berlin ist die damals
15­-Jährige sofort begeistert, eine Metropole, kosmopolitisch und bunt.

Ihre Mutter pflegt auch eine besondere Verbindung zu der Stadt. In den 80er Jahren studiert sie hier ein Jahr an der Humboldt-Universität Germanistik. Heute arbeitet sie als Deutschlehrerin im Goethe-Institut in Sofia. Dadurch war sie vor einigen Jahren für ein Seminar in Berlin. Die Gastfamilie, die sie damals für zwei Wochen aufgenommen hat, besuchen Irina und ihre Mutter gemeinsam in jenem April. Es ist eine Freundschaft entstanden. Auch die erste Woche, bevor Irina mit dem Studium anfängt, kommt sie dort unter. An Berlin schätzt sie heute vor allem die Mischung aus Geschichte und Modernität und dass es so „multikulti“ ist, sagt sie.

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Irina in der Nähe des Campus in Berlin-Zehlendorf. Sie mag die Ruhe hier

Es ist ein Freitag. In der Mensa gibt es Fisch. Irina freut sich und packt eine Portion Salzkartoffeln neben das Seelachsfilet auf den Teller. Sie setzt sich an einen Tisch neben den bodentiefen Fenstern in der Mensa. Plötzlich fängt es an zu schneien. Zu Weihnachten fliegt sie nach Hause, um bei der Familie zu sein. Ihre Eltern vermissen sie, erzählt sie. Vor allem zu ihrer Mama hat sie ein enges Verhältnis, sie telefonieren jeden Tag. „Für sie ist der kleine Sonnenschein nicht mehr da“, formuliert sie es selbst, „aber dafür haben sie ja noch meinen größeren Bruder“, und lacht. Dass Irina jetzt in Deutschland studiert, macht die Eltern aber vor allem stolz.

Genauso stolz erzählt sie selbst von ihrem Studium, man braucht ihr gar keine Fragen zu stellen. Eigentlich wollte sie erst gar nicht Politik studieren, ganz lange interessiert sie sich für Journalismus. In der Schule fällt sie auf, da sie sich sprachlich gut ausdrücken kann, nimmt an mehreren Schreibwettbewerben teil. Das hat Irina sicher von ihrem Vater. Wie die Mutter studierte auch er Germanistik. An der Uni lernten sich die Eltern kennen. Jetzt arbeitet der Vater als Übersetzer für Deutsch und Bulgarisch, übersetzte schon Bücher u.a. mit Reden von Merkel. Auch als Politiker ist er aktiv, nahm 2016 mit seiner Partei „Bulgarische Demokratische Union“ (übers.) an den Präsidentschaftswahlen teil. Leider erfolglos. Zu viel Korruption, erklärt Irina.

Ihr Vater will etwas verändern im Land, etwas gegen die Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit tun. Dabei hat er schon einige Rückschläge erlitten. Diese Ungerechtigkeit erlebte Irina dadurch im eigenen Umfeld. „Früher habe ich immer gesagt ‚Ich hasse Politik. Ich will nie etwas mit Politik zu tun haben‘. Durch meinen Vater habe ich viel mitbekommen. Ich war so enttäuscht von der bulgarischen Politik. Es ist alles so unsauber, intransparent und korrupt. Ich habe mich immer gefragt‚ warum beschäftigt sich mein Vater immer noch mit dieser dummen Politik? Sieht er nicht, dass es keinen Ausweg gibt, dass er nicht geschätzt wird dafür?“

„Da wo ich lande, will ich noch weiter wachsen“

In Deutschland hat sich ihre Meinung geändert. Mit dem Politikstudium legt sie sich eine solide Grundlage, meint sie. Und hier gibt es einen Ausweg, viele Auswege sogar. Seit September arbeitet sie für einen Abgeordneten im Bundestag. Dabei sieht sie, wie viele Nischen es gibt, in denen man für die Gesellschaft nützlich sein kann. „Ich will etwas machen, was Sinn macht, was mich herausfordert wo ich mich auch frage ‚Kann ich das schaffen?“ Genau diese Herausforderung gibt ihr die Werkstudententätigkeit im Bundestag. Weil sie keine Muttersprachlerin ist, traut sie sich nicht immer einfach so loszureden, sie hat Angst Fehler zu machen. Aber ihre Kollegen geben ihr das Gefühl gebraucht zu werden, sind dankbar für ihre Hilfe.

In den Journalismus will sie gar nicht mehr so wirklich, in die Diplomatie vielleicht oder etwas auf EU-Ebene. Internationale Beziehungen interessieren sie, Menschenrechte, etwas mit NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) könnte sie sich vorstellen. „Ich sage nicht endgültig, da möchte ich landen, sondern da wo ich lande, will ich noch weiter wachsen.“ Da kommt die Kämpferin in Irina durch. Der Ehrgeiz. Der Veränderungswille, den ihr der Vater vorgelebt hat. Ihre Augen leuchten, ein Lächeln zieht sich durch ihre weichen Gesichtszüge. Sie ist überzeugt vom Gedanken der Gerechtigkeit und Ehrlichkeit.

Durch die Arbeit hat sie auch viel über die deutsche Politik gelernt. Was beeindruckt sie besonders? „Jeder kann sein Belangen äußern – egal, ob er Deutscher oder Bulgare ist, minderjährig oder erwachsen. Es gibt immer einen Weg, dass sich etwas verändern kann und das Recht genehmigt einem das.“ So ein offenes Mitspracherecht gebe es in Bulgarien nicht.

Wenn sie alle drei, vier Monate nach Sofia zur Familie fliegt, nerven sie manchmal die Leute dort. „Sie sind degradiert, weil sie nichts dafür tun, damit sich etwas verändert. Sie machen immer so weiter wie sie es kennen.“ Irina meint, dass Probleme oft entstehen, weil sich die Menschen nicht interessieren und ihre eigenen Rechte nicht kennen. Sie geht aus der Mensa raus, vorbei am schwarzen Brett, an den vielen Plakaten über Vorträge und Veranstaltungen. Sie mag ihre Universität, weil sie modern und gut ausgestattet ist und immer wieder bekannte Persönlichkeiten herkommen. „Das ist das, was ich meine. Es gibt so viel Angebot, man muss sich nur dafür interessieren.“

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In dem Audimax sprach auch schon US-Politiker Bernie Sanders. Irina schätzt das Angebot der FU

Ein bisschen Heimatgefühl kommt in der bulgarischen Studentengemeinde auf, in der sie aktiv ist. Gemeinsam organisieren sie Veranstaltungen, z.B. für die neuen Bulgaren in Berlin. Irina ist dort stellvertretende Vorsitzende und Mentorin. In Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Kulturinstitut gibt es Willkommensfeiern und Filmabende. Der Höhepunkt sind immer die Partys, denn die Bulgaren feiern gern.
Es gibt aber auch Dinge aus der Heimat, die sie vermisst. Die Mentalität der Leute, in Bulgarien sind die Menschen warmherzig und gastfreundlich, sagt sie. Berlin ist anders als Sofia, es ist größer und gemischter. „Ich habe hier mehr Angst als in Bulgarien.“ Vor allem nachts geht sie nicht gern allein nach Hause. Und die Strecken nerven sie, Berlin ist so groß.

„Es ist, als ob wir zuhause sind“

Wie auch am 8. Dezember, dem offiziellen Studententag in Bulgarien. Dort fahren sie für das Wochenende in die Berge, in kleinen Hütten genießen sie die Gemeinschaft. Hier in Berlin genießen sie die bei einer gemeinsamen Feier. Irina macht sich fertig in ihrem kleinen Zimmer im Studentenwohnheim nähe Westkreuz. Die rosa Verzierungen an der Wand erinnern an die Ballerina, das Prinzessinsein. Pinke Sportschuhe stehen vor dem Kleiderschrank. Ihr Outfit ist perfekt abgestimmt, wieder rosa, diesmal aber mit Blümchen. Sie legt nochmal Wimperntusche nach. Das hat sie von ihrer Mama, sagt sie, dass sie Wert auf ihr Äußeres legt. Die Handtasche darf auch nicht fehlen.

Als sie den Club nähe Bülowstraße in Berlin betritt, sieht sie gleich bekannte Gesichter. Freudestrahlend umarmt sie ihre Freundinnen. Mit einem Drink geht es gleich auf die Tanzfläche. Das bulgarische Nationalgetränk Rakia gibt es allerdings nicht, dafür Wodka mit Apfelsaft. Es läuft bulgarische Popmusik. Irina und die anderen Mädels können alles mitsingen. Die roten Scheinwerfer bewegen sich durch den schummrigen Nebel über die tanzende Menge. Es fühlt sich an, als würden alle bulgarischen Studenten in Berlin in diesem kleinen Raum vereint sein.

„Es ist, als ob wir zuhause sind“, sagt Irina. Hier fühlt sie sich wohl. Hier kann sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten, so ausdrücken wie sie will. Von den tanzbaren Popliedern geht es irgendwann über in Volksmusik und alle drehen sich in einem großen Kreis zum traditionellen Tanz. Bein links, Bein rechts. Irina mittendrin.

Mit den anderen fährt sie gemeinsam nach Hause. Die drei Mädels steigen in die U-Bahn. Müde legt Irina den Kopf auf die Schulter ihrer Freundin. Das grelle Licht stört sie nicht. Hauptsache sie ist nicht allein. Die Gemeinschaft ist ihr wichtig. Sei es in der bulgarischen Gemeinde, in der Stipendiatengruppe oder an der Universität. Vielleicht ist das der Grund, warum sich Irina so gut eingelebt hat und weshalb sie von hier aus noch viel weiter will.

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