Das wichtigste im Schulsystem-Streit vergessen

Das absolute Thema der Woche in den Medien. Nainas Tweet über die Kritik an unserem Schulsystem regte die Medien auf.

Nainas Tweet über das Schulsystem

Nainas Tweet über das Schulsystem

Doch was ist da wirklich dran? Irgendwie hat sie ja recht. Wenig von alle dem, das man in der Schule lernt, kann man später im Beruf anwenden. Denn Jobs um BWL, Buchhaltung oder auch Medien – das lernt man einfach nicht in der Schule. Fächer wie Informatik, für das gewisse Medienbewusstsein in unserer heutigen Zeit, oder Wirtschaft sind da schon echte Ausnahmefälle. Genauso wie Recht (klar klingt jetzt trocken und langweilig) aber wer weiß schon welche Rechte man beim Arbeitgeber in Bezug auf Kündigung oder Gehaltsverhandlungen hat. Oder Bewerbungscoaching – wird auch mal schnell in einer Deutschstunde abgehandelt.

Das einzige, was da oft der Ausweg ist, ist Lehrer zu werden. Und das ist bei vielen meiner Freunde zum Beispiel auch der Fall. Die meisten wissen eben nicht, was sie nach 12 Jahren Schule machen sollen. Da wäre ein bisschen mehr Hilfe zur Orientierung in diesen Jahren schlau gewesen, und ja auch günstiger, weil der Staat dann keine drei „Orientierungsjahre“ mit Praktika, Mini-Jobs oder FSJ finanzieren muss. Klar, die bringen einen persönlich weiter. Ich finde es wichtig, sich im Ausland weiter zu entwickeln und selbständig zu werden. Ich war ja auch zum Work and Travel in Australien. Aber trotzdem belastet dieses Gefühl auch viele junge Menschen, nicht zu wissen, wo es mal hingeht, welcher Beruf zu ihnen passt. Und dabei kenne ich das Rentenversicherungssystem in Australien besser als in Deutschland, weil ich mich damit beschäftigen musste. Doch Eigeninitiative hin oder her – welcher 16jährige setzt sich bitte mit einem Versicherungsbuch hin?

Für ihre Kritik hat Naina viel Unterstützung von anderen Medien und Twitter- bzw. Facebook-Nutzern erhalten. 16.000 Mal wurde sie retweetet, also ihr Tweet weitergetragen. Auch Bildungsministerin Johanna Wanka stimmte ihr zu, dieses Thema „mal diskutieren zu müssen“. Aber natürlich muss es ja auch Gegner geben, die Objektivität der Medien bewahrt werden. In der ZEIT schreibt Ulrich Greiner zum Beispiel über die „Schönheit“, die man durch Fächer wie Deutsch, Literatur, Kunst oder Griechisch lernt. Schönheit? Und auch er hat keine Antwort darauf, was uns die unnützen Fächer im Studium oder Leben bringen.

Doch einen anderen Aspekt übersehen viele. Wenn man mal ein bisschen größer denkt, können wir doch alle froh sein in Deutschland überhaupt ein Recht auf Bildung zu haben, eine Sicherheit für alle Kinder in die Schule gehen zu können. Keine Diskriminierung auf das Geschlecht oder die Herkunft. Keine Benachteiligung durch die finanzielle Lage. Dafür sollten wir dankbar sein, denn viele Kinder auf dieser Welt haben das nicht. Ein bisschen dankbarer als Sinah vom theblackshirtblog, die schreibt „Danke für (fast) nichts.“

Es ist ein Zwiespalt. Man kann die Fächer ja auch nicht alle abschaffen (oder mehr drauf tun – in der zehnten Klasse hatte ich auch 37 Schulstunden in der Woche!), aber man sollte das Schulsystem auf die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen anpassen: mehr Möglichkeiten, Berufsbilder kennen zu lernen für alle Schüler oder Fächer wie Hand- und Hausarbeit. Die meisten Studenten, die ich kenne, können sich gerade mal so Nudeln mit Soße machen und wissen nicht mal richtig, wie man abwäscht. Dafür können sie mit irrealen Zahlen rechnen.

Außerdem sind die Bildungsansprüche in Deutschland pro Bundesland ja schon so unterschiedlich. Der Anspruch der Abiturprüfungen liegt so weit auseinander, da kann man nicht einfach mal die Schule wechseln. Das sollte auf jeden Fall vergleichbarer werden. Dazu noch: Wissen denn die meisten Jugendlichen, wo ihre Kleidung herkommt, wie sie hergestellt wird? Nein, sie sehen nur die billigen Preise bei Primark und freuen sich auf Sale mit 5-Euro-Jeans, an denen sich asiatische Fabrikarbeiter fast vergiftet haben.

Der Trend der Entschleunigung, Selbstversorung und Handarbeit, wie Stricken, kommt nicht irgendwo her. Die Menschen haben genug von Pferdefleischskandalen und eingenähten Notrufen von Primark-Näherinnen. Dann lieber selbst machen und YouTube als Learn-to-do-Kanal benutzen. Da bilden wir uns unser eigenes Schulsystem. Da kann nur noch Doktor Allwissend uns Lebensweisheiten näher bringen. Also, hallo Politiker, schaut doch auch mal YouTube oder so!

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